Diamonds Are
A Girl's Best Friend?

KATHRIN KONDAUROW
Intendantin
Sehr verehrtes, liebes Publikum!

Die letzten Wochen und Monate waren von großer Ungewissheit geprägt – wie sehr und wie lange würde die Corona-Pandemie das gesellschaftliche und soziale Leben eingrenzen, ab wann würde es wieder möglich sein, Theater zu spielen, die Staatsoperette für den Spielbetrieb zu öffnen? Jetzt ist es so weit: Wir haben eine Perspektive und für Sie einen Spielplan entwickelt, der es uns ermöglicht, auf der Bühne unter notwendigem Abstandsgebot zu spielen und Sie dennoch gewohnt facettenreich zu unterhalten. Die Ursprungsplanung mussten wir ein wenig umstellen, so ist von unserer Eröffnungspremiere „Blondinen bevorzugt! (Gentlemen Prefer Blondes)“ in dieser Spielzeit lediglich oben stehender Titel verblieben, auf die Premiere im Herbst 2021 dürfen Sie sich bereits jetzt freuen.

Dennoch bleiben wir unserem Diskurs zur Geschlechteridentität treu, denn als Staatsoperette sind wir in einem Genre unterwegs, das nur so vor Geschlechterklischees, vor Rassismen und Sexismen strotzt – wir kommen gar nicht umhin, uns selbstkritisch damit zu befassen. Wie gehen wir beispielsweise als Gesellschaft mit geschlechterspezifischen Zuschreibungen um – erfüllen wir sie oder lehnen wir sie ab, widerlegen wir sie und krempeln sie um? Gibt es überhaupt noch eine eindeutige Zuordenbarkeit von männlichen und weiblichen Attributen, die bestimmen, wer Mann und wer Frau ist? Alles Fragen, denen wir uns in dieser Spielzeit stellen werden, indem wir Geschlechterrollen hinterfragen und zugleich einkreisen, was Männlichkeit und Weiblichkeit heute bedeuten.

„Märchen im Grand-Hotel heißt die erste Premiere der Saison. Welch anderer Ort als ein Hotel böte sich besser an, um Rollenspiele, Beziehungskonstellationen und Ständedünkel unter ein Brennglas zu legen? Ein lustvolles Verwirrspiel à la Hollywood entsteht, bei dem Marylou, moderne, selbstbestimmte Tochter des amerikanischen Filmproduzenten Makintosh, das Wertesystem des altehrwürdigen französischen Hotels und seiner Bewohner
mächtig auf den Kopf stellt und gleichzeitig filmisch konserviert. Getragen von Paul Abrahams vielseitiger Musik – von Walzer bis Foxtrott, Tango bis Jazz – führt Sie der verliebte Kellner Albert anekdotenreich durch den Abend.

Der Märchenklassiker „Cinderella“, unser Familienmusical als zweite Premiere der Saison, ist ebenfalls gespickt mit Rollenklischees. Die neue Broadway-Fassung von Rodgers und Hammerstein II erlaubt jedoch eine modernere Lesart: Ella kann den mit sich und der Monarchie hadernden Prinzen durch ihre Natürlichkeit und Klugheit gewinnen – nicht die Schönheit ist ausschlaggebend! Gemeinsam besänftigen sie das zur Revolution aufrufende Volk und sogar die Stiefmutter entdeckt ihren Familiensinn. Ein Plädoyer für Menschlichkeit, Toleranz, Miteinander und den Glauben an sich selbst! In Zeiten von Social Media und „Germany‘s Next Topmodel“ ein Muss für Groß und Klein!

In unserer dritten Premiere nehmen wir das männliche Geschlecht näher unter die Lupe. Denn in Otto Nicolais Spieloper „Die lustigen Weiber von Windsor“ haben wir es mit einer besonderen Spezies Mann zu tun: Sir John Falstaff, unverbesserlicher Chauvinist und Lebemann, der aufgrund seiner skurrilen Charakterzeichnung dazu einlädt, sich mit der Frage nach neuen Männlichkeitsbildern zu befassen. Shakespeare hat mit seiner Komödienvorlage einen wahren Antihelden geschaffen, der scheinbar alle Klischees eines patriarchalisch geprägten, narzisstisch agierenden Mannes erfüllt. Gleichzeitig konterkariert dieser Falstaff dieses Rollenbild – und wird von einer sehr emanzipiert agierenden Damenwelt an der Nase herumgeführt. Doch wer ist eigentlich wer und wer spielt hier mit wem?

Eine dem Falstaff nicht unähnliche Figur schuf der Komponist Joseph Beer gemeinsam mit seinen Librettisten Fritz Löhner-Beda und Alfred Grünwald in dem 1937 uraufgeführten Werk „Polnische Hochzeit“: Der in die Jahre gekommene Graf Staschek liebt es, zu heiraten – vor allem jüngere Frauen. Doch als er die Braut seines als vermisst geltenden Neffen ehelichen möchte, wird es turbulent. Erzählt wird die Geschichte eines Kriegsheimkehrers, der mit den Traditionen seiner Heimat bricht und von mutigen Frauen, die sich gegen die ihnen zugeschriebenen Rollenklischees zur Wehr setzen. Als deutsche szenische Erstaufführung widmen wir unsere vierte Premiere diesem Meisterwerk, das musikalisch raffiniert zwischen slawisch-folkloristischen Elementen und schmissigen Jazzsounds changiert.

Doch nicht nur die Befragung von Geschlecht, Identität und Rollenbildern steht im Fokus dieser Spielzeit – nach wie vor bleiben wir unserem Motto „Broadway in Dresden“ als Garant für lebendiges, vielseitiges und hochwertiges Unterhaltungstheater treu. Neben dem diskursiven Ansatz geht es vor allem auch um Sinnlichkeit, darum, einen Theaterabend zu erschaffen, der mit allen Mitteln der Kunst verführt und berührt – und Ihnen und uns lange in Erinnerung bleibt.

Ganz besonders freue ich mich in dieser Spielzeit auf fesselnde, überraschende und berührende musikalische Impulse in Zusammenarbeit mit unserem neuen Chefdirigenten Johannes Pell, der sich Ihnen mit seinen Interpretationen von „Die lustigen Weiber von Windsor“ und „Polnische Hochzeit“ in unseren Neuproduktionen vorstellen wird.

Seien Sie eingeladen, mit uns in den Diskurs zu treten oder einfach nur zu genießen – wir freuen uns auf viele eindrucksvolle gemeinsame Theateraugenblicke!

Ihre Kathrin Kondaurow